Heating Habits
Untersuchung der menschlichen Beziehung zum Energieverbrauch durch interaktive Heizsystem-Prototypen.

Paradox des Kamins: Während sich die soziale Funktion in vielen verschiedenen Produkten manifestiert (Ofen, TV, etc.), ist die Heizfunktion (die einst das verbindende Element war) in einem Zentralheizsystem zentralisiert.
Rem Koolhaas, Elements of Architecture, Taschen, Fireplace, S.8
Energie-Beziehungen
Betrachtet man die architektonische Geschichte des Kamins von seiner »Erfindung« bis heute, stellt man fest, dass die Entwicklung zentraler Heizsysteme hinter den Wänden heutiger Gebäude zum völligen Verschwinden der sozialen Funktionen geführt hat, die sich um den Kamin entwickelten – und damit zu einer Entfremdung von der Energie, die wir nutzen. Das ist besonders in Zeiten der Klimakrise wichtig, da unsere emotionale Beziehung zur Energie das Potenzial hat, Verbrauchsmuster schnell und dauerhaft zu verändern. Ich erforschte Beispiele dafür, wie Lebensgewohnheiten unseren Energieverbrauch verändern können.
Die Flamme wird vom Ofen verborgen, der Ofen ins Untergeschoss verbannt, und das Eisenrohr wird zum neuen Heizgerät der Wahl.
Rem Koolhaas, Elements of Architecture, Taschen, Fireplace, S.133
Rituale & Struktur
Der Kamin musste rituell in Stand gehalten werden. Betrachtet man die kulturelle Bedeutung des Kamins, zeigt sich, dass sich soziale Strukturen und Ordnung um die Pflege des Feuers organisierten. Die heutige Zentralheizung erwärmt pauschal die gesamte Luftsäule des Raums – das macht sie unstrukturiert und unbehaglich. Eine Senkung der Raumlufttemperatur um 4 Grad würde bereits Energieeinsparungen von etwa 36% bedeuten. Die logische Konsequenz sind kleine, rituelle Wärmequellen, die den Raum strukturieren und lokalisierte Wärme abstrahlen, ohne die gesamte Raumluft als Hauptträgermedium zu nutzen.
Kleine, strahlende Wärmequellen strukturieren den Raum und schaffen ein Netzwerk von Wegen und Bereichen im Raum.
Christopher Alexander, A Pattern Language, S.646, S. 1080, S. 1162

Zeolith
Zeolith bedeutet »siedender Stein« auf Griechisch. Eigentlich vulkanischen Ursprungs, wird es heute als synthetisch hergestelltes Aluminiumsilikat in der Industrie, aber auch im Haushalt verwendet (Geschirrspüler, Wärmepumpe). Zeolith ist sehr porös. So porös, dass Wärme entsteht, wenn Wassermoleküle – die an der Oberfläche unzähliger winziger Kanäle reiben – absorbiert werden. Zeolith ist also eine potenzielle Batterie, die Energie in Form eines Potenzials (Trockenheit) speichern kann. Durch Wärmezufuhr (z.B. Solarofen) kann das Material wieder getrocknet werden. Danach kann der Aktivierungsprozess von neuem beginnen.

Die Fackel
Da die Eigenschaften des Zeoliths fast als mystisch empfunden wurden, lötete ich eine kupferne »Fackel«, die wie eine Vase in die Mitte eines Esstischs gestellt werden konnte. Während man am Tisch saß, musste kontinuierlich Wasser auf das Zeolith in der Fackel gegossen werden, um die Wärmeproduktion aufrechtzuerhalten. Eine grafische Interpretation des Kamins.



Natriumacetat
Dann wandte ich mich einem anderen potenziellen Wärmespeichermaterial zu. Die Wahl fiel auf Natriumacetat, das aus Handwärmern bekannt ist. Löst man Natriumacetat im richtigen Verhältnis in destilliertem Wasser, erhält man eine übersättigte Salzlösung. Bringt man diese Lösung zur Kristallisation, wird während des Kristallisationsprozesses Wärmeenergie freigesetzt. Erwärmt man das Kissen wieder (Wasserbad), verflüssigt sich die Lösung und ist – nachdem sie auf Raumtemperatur abgekühlt ist – wieder einsatzbereit. Dieser Zyklus ist unendlich wiederholbar.

Modulare Decke
Diesmal erwies sich eine große Oberfläche als geeigneter. Als Test schweißte ich ein 50x50cm PVC-Kissen hochfrequent und füllte es mit etwa 1,8l der Lösung. Das Ergebnis waren etwa 60°C über 30 Minuten. Durch erneutes Kneten konnte die Reaktion noch einmal angekurbelt werden, wodurch sich die Dauer der Wärmeerzeugung verlängerte. Ich entschied mich für Kontaktwärme und machte das Formen und Kneten zu einem Anwendungsmodus eines spekulativen Produkts. Eine modulare Decke oder, je nach Größe, ein Teppich oder Cape wurde aus drei Modulen entworfen und geschnitten. Durch Darauflaufen, sich Hineinhüllen und andere Bewegungen sollte die wärmeerzeugende Reaktion ausgelöst und aufrechterhalten werden.


Credits
Das Projekt entstand während meines Gastsemesters in der Industrial Design Klasse von Prof. Stefan Diez. Projektbetreuung Elisabeth Wildling und Peter Mahlknecht. Dank an Lilian Marie Furrer.

