Centaur Design
Erforschung der Ko-Kreation zwischen Kindern und Text-zu-Bild-KI in 2021. Ein Projekt über das gemeinsame Gestalten in Zeiten der KI.

Mensch & KI
Künstliche Intelligenz als neue Grenze im Designprozess wirft die Frage auf, wie zukünftige Designer·innen und KI koexistieren werden. Kunst und Kultur scheinen kein Optimierungsproblem zu sein. Als Designstudent interessierte mich besonders, wie man diese Technologien als Werkzeug einsetzen kann.
Kollaboration
Statt Angst und Ablehnung wollte ich herausfinden, wie sich einige dieser Tools in einem kreativen Prozess einsetzen lassen. Es wurde klar, dass produktive Zusammenarbeit ein Umdenken erforderte — weg vom Bild der KI als Gegner, hin zu kollaborativen Modi. Jenseits des Klischees von KI als Menschenersatz gibt es andere Theorien zur Koexistenz von KI und Menschen. Ein spannender Ansatz ist der »Kentaur«-Ansatz, bei dem Menschen und Maschinen ihre besten Eigenschaften einbringen.

Centaur Design Experiment
Der Kentaur-Ansatz entstand, als Garri Kasparow 1997 ein Schachturnier gegen IBMs Deep Blue verlor. Anstatt sich als menschlicher Schachspieler ersetzt zu fühlen, sah er eine neue, aufregende Form des Schachs entstehen, in der Maschinen und Menschen ihre besten Eigenschaften teilen. Um kollaborative Modi zwischen Menschen und KI in einem designbezogenen Kontext zu erkunden, untersucht dieses Experiment diesen Ansatz in einem Designprozess. In diesem iterativen Prozess, der speziell für Kinder entwickelt wurde, arbeiten Menschen und KI zusammen, um Spielzeug zu gestalten.
Cody
Am Anfang wird ein Kind gebeten, einige Informationen (Text, Skizze, Material) über sein gewünschtes Spielzeug zu geben. Ein Kind gibt seinem Spielzeug den Namen »Cody«, zeichnet einen Roboter und beschreibt ihn so:
»Er ist ein Roboter, er kann basteln, er hat viele verschiedene Werkzeuge. Er entwickelt menschliche Gefühle und kann Menschen retten. Er kann schwimmen und so viele Sachen.«

Die Informationen aus Skizze, Text und Materialwahl dienten als schriftlicher Input für ein Text-zu-Bild-Modell (BigSleep von Ryan Murdock), um einen ersten Entwurf des Spielzeugs zu generieren. Es ist interessant, wie Elemente der vom Kind erzählten Geschichte den Entwurf von Cody maßgeblich beeinflussen. Das neuronale Netz »BASNet« schneidet dann den Hintergrund aus.

Zwei Modelle, die darauf trainiert sind, Bilder in Skizzen umzuwandeln (Artline & Photosketch), werden nun mit den maskierten Bildern gefüttert. Die Ergebnisse werden zu einer Vorlage-Skizze weiterverarbeitet und dem Kind gezeigt.

Das Kind wird nun gebeten, das Bild zu beschreiben und die angenäherte Skizze zu vervollständigen.
»Ich kann einen halb fertigen Roboterhund sehen. Ich kann nur ein Bein sehen. Einen Kopf. Einen halb fertigen Körper. Ein seltsames Horn.«
Aus Text und Skizze erhalten wir eine Definition der Geometrien sowie eine strukturierte Anatomie, ausgeprägte Gesichtselemente und eine Art Horn. Zusätzlich erhalten wir ein neues Element: die Antenne/Schwanz. Cody begann als klare Erzählung und grobe Skizze. Durch den Einsatz von KI-Kollaborateur·innen entstand ein Charakter, der die Geschichte mit emotionalen Zügen und verschiedenen Werkzeugen unterstützt.


Girl Sherwoled
Ein Kind gibt seinem Spielzeug den Namen »Girl Sherwoled« und zeichnet ein Auto mit stereotyp weiblichen Attributen. Es beschreibt es so:
»Es kann fahren, leuchten und sprechen.«

Nach dem zuvor beschriebenen Prozess wird das Kind nun gebeten, das farbige Bild zu beschreiben und die angenäherte Skizze zu vervollständigen.
»Ich kann sehen, dass es klein und nicht groß ist. Ich kann sehen, dass die Front groß und das Heck klein ist.«
Die ursprünglich von der KI entfernten geschlechtsspezifischen Designelemente werden zurückgeholt, indem das ganze Auto in ein sattes Pink getaucht wird. Das vermeintliche Kreuz wurde als Chevrolet-Logo umgesetzt, was dem Namen »Sherwoled« mehr Sinn verleiht. »Girl Sherwoled« ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Vorurteile der beteiligten Gestaltungsparteien das Design beeinflussen können.

Tesy
Ein Kind gibt seinem Spielzeug den Namen »Tesy« und zeichnet eine Skizze, die ein Tier zeigt, das wie ein Hybrid aus Katze, Schwein und Einhorn aussieht. Das Kind beschreibt Tesy folgendermaßen:
»Sie kann sprechen und sie ist sehr flauschig und süß. Manchmal macht sie Geräusche wie: ›Ich habe Hunger!‹ Oder: ›Ich möchte tanzen und Musik hören.‹«

Nach dem zuvor beschriebenen iterativen Prozess wird das Kind nun gebeten, das farbige Bild zu beschreiben und die angenäherte Skizze zu vervollständigen.
»Ich kann einen Delfin sehen. Er hat schwarze Augen und eine spitze Nase.«
Hier werden die Bewegungsrichtung und das Farbschema definiert. Zusätzlich gibt uns das Kind die Information, dass »Tesy« wahrscheinlich eine Art Delfin ist. »Tesy« begann als Spielzeug mit vertrauter Ästhetik. Durch den kollaborativen Prozess mit KI entstand ein einzigartiger und charismatischer Charakter.

Robot Luxi
Ein Kind gibt seinem Spielzeug den Namen »Robot Luxi« und zeichnet einen klassischen Roboter mit großen Flügeln und einigen Tomaten am Boden. Es beschreibt es so:
»Er kann fliegen und er hat viele Tomaten.«

Nach dem zuvor beschriebenen iterativen Prozess wird das Kind nun gebeten, das farbige Bild zu beschreiben und die angenäherte Skizze zu vervollständigen.
»Ich kann einen Roboter-Schmetterling mit vielen hellen Farben sehen.«
Die interessante Geometrie, die nur aufgrund der Eingabe entstanden war, dass »Robot Luxi« viele Tomaten haben sollte, wurde vom Kind ignoriert und mit lila Farbe ergänzt. Das ansonsten problematische Kommando-und-Kontroll-Verhalten, das menschliche Befehle fraglos ausführt, wird hier als Gestaltungswerkzeug genutzt, das bei »Robot Luxi« zu spannenden Geometrien führt.

Ausstellung
Für die Ausstellung beim Angewandte Festival 2021 wurden vier A1-Poster mit Informationen über das Projekt gedruckt. Die Spielzeuge wurden auf maßgefertigten Sockeln platziert und durch ebenfalls maßgefertigte Lampen inszeniert. Die Poster gestaltete ich in Zusammenarbeit mit Lucy Li.




Fünf Centaur Design Patterns
Nach dem Experiment wurde klar, dass Designer·innen häufiger mit KI zusammenarbeiten werden. Deshalb machte ich mich daran, die ersten fünf Centaur Design Patterns zu schreiben. Einfache Muster und Hinweise, die Designer·innen beim Arbeiten mit KI im Kopf behalten sollten.
1. Lerne deine Kollaborateur·innen kennen
Informiere dich gut über die verwendeten Technologien. Behandle deine KI-Kollaborateur·innen respektvoll und schätze ihre Beiträge. Zu wissen, woher sie kommen (Datensätze, Trainingsmethoden usw.) und wie ihre Produktionsmittel beschaffen sind (Open Source, Corporate, Non-Profit usw.), hilft bei der produktiven Zusammenarbeit.
2. Vertraue dem Prozess
Denke nicht: »Was soll das?«, »Das macht keinen Sinn« oder »Ich kann nichts darin erkennen«. Bleibe offen für die Möglichkeiten, die euer kollaborativer Prozess eröffnet. Unterbrich nicht zu früh. Kannst du die kreativen Wendungen und neuen Vorstellungsweisen erkennen, die entstehen?
3. Feiere eure Unterschiede
Während KI Zugang zu riesigen Datenmengen hat und diese schnell verarbeiten kann, bringst du menschliche Intuition, Vorstellungskraft und Kreativität mit. Feiere diesen Unterschied, gedeihe daran. Gebt euch gegenseitig die Freiheit, euer Bestes einzubringen. Kann der Prozess von diesen Unterschieden profitieren?
4. Kläre eure ethischen Positionen
Jede Person und jede Entität bringt ihre Vorurteile mit. Erkenne an, dass diese Vorurteile vorhanden sind. Halte euren Prozess offen und transparent. Deine KI-Kollaborateur·in muss die Ursprünge ihrer Entstehung offenlegen. Du hingegen, kannst du über deine eigenen Vorurteile reflektieren?
5. Wer hat das letzte Wort?
In jedem lohnenden, hochiterativen Prozess sind immer viele Entscheidungen zu treffen. Auch in eurer Kentaur-Partnerschaft. Wenn du mit einer KI zusammenarbeitest, beteiligst du dich an einem kollaborativen Prozess, in dem du auch Verantwortung trägst. Sind die Entscheidungen, die du triffst, ethisch und im besten Interesse deiner Mitmenschen?

Prozess
Die additiv gefertigten Kunststoffkörper wurden gefüllt und grundiert. Anschließend wurden mehrere Farbschichten und ein Klarlack aufgetragen. Das von mir installierte Verbindungssystem machte die Montage einfach.


Credits
Bei diesem Projekt wurde ich unterstützt von: Viviane Freismuth-Wohlfarth, Max Kure, Lucy Li, Selma Mühlbauer, Julian Paula, Florian Semlitsch, Elizabeth Sharp, Valentina Sturn und dem ID2 / DI Team an der Universität für angewandte Kunst Wien.

